Balance im Bild – Das Geheimnis für harmonische Fotos

Die Balance ist eines der am wenigsten diskutierten Prinzipien in der Fotografie, obwohl es vielleicht das wichtigste Gestaltungselement einer guten Bildkomposition ist. Fotografen treffen bewusst oder unbewusst eine wichtige Entscheidung bei jeder Aufnahme: Soll die Bildgestaltung symmetrisch oder asymmetrisch sein? Bis zu einem gewissen Grad hat jedes bestehende Foto Elemente der Balance und des Ungleichgewichts. Damit ist dieses Thema entscheidend für Fotografen, um die Bildqualität auf der grundlegendsten Ebene zu verbessern.

Balance Gleichgewicht im Bild
Balance – eine der wichtigsten Kompositionstechniken für harmonische Bilder.

1. Links-Rechts-Gleichgewicht

Beim perfekt ausbalancierten Foto besteht eine Ausgewogenheit zwischen der linken und rechten Bildhälfte – es ist symmetrisch. Die Links-Rechts-Darstellung ist die wichtigste Balancekomponente deiner Fotos. Das Oben-Unten-Gleichgewicht hat hingegen weniger Einfluss auf die Gleichmässigkeit des Bildes. Ein Beispiel: Wir empfinden Menschen als symmetrisch, obwohl dies nicht zu 100 % zutrifft. Eine Gesichtshälfte ist immer etwas unterschiedlicher als die andere. Das Gehirn allerdings gleicht leichte Asymmetrien aus. Ein Foto, auf dem sich alle Motive in der unteren Bildhälfte befinden, kann beim optischen Gleichgewicht der linken und rechten Hälfte trotzdem ausgeglichen erscheinen.

Gleichgewicht Links Rechts
Solange sich links und rechts die Balance halten, spielt oben und unten eine eher kleinere Rolle. (@Bonnie Kittle auf Unsplash)

2. Gleichgewicht vs. Ungleichgewicht

Je nachdem wie ausbalanciert das Bild ist, kann es ruhig oder unruhig erscheinen. Ein ausgewogenes Foto erscheint ruhiger als eines, das die visuelle Aufmerksamkeit auf die eine oder andere Seite verlagert. Dies erscheint logisch, wenn du dir das folgende Bild anschaust:

Balance führende Linien
Die führenden Linien sind klar symmetrisch und führen deinen Blick in die Mitte zum Fluchtpunkt hin. (@Peter H auf Pixabay)

Betrachte nun das folgende Waldmotiv:

Balance Fluchtpunkt links
Hier ist der Fluchtpunkt auf der linken Bildhälfte. (@Johannes Plenio auf Pixabay)

Obwohl einige es anders sehen, erscheint dir das Bild oben vielleicht viel friedlicher und ruhiger. Das Bild auf der Unterseite ist dagegen angespannter – irgendwie sieht es in seiner jetzigen Form nicht „stabil“ aus, als ob es wortwörtlich «aus dem Rahmen» fallen würde. Für viele kann dieses unruhige Bild eine Geschichte besser vermitteln; für andere wiederum ist ein ausgewogenes Bild friedvoller und ästhetischer. Es hängt von der Stimmung ab, die du mit deinem Foto kommunizieren möchtest.

3. Symmetrische Balance

Die offensichtlichste Art der Balance ist eine, bei der das Bild auf der linken und rechten Seite identisch ist. Perfekte, pixelgenaue Symmetrie ist ausserhalb von computergenerierten Bildern nicht möglich, aber ein nahezu symmetrisches Foto ist mehr als ausreichend, um eine ausgewogene Komposition zu erkennen. Wirf einen Blick auf das untenstehende Bild:

Gleichgewicht Symmetrie
Die Wolken sehen nicht auf jeder Seite gleich aus, aber dieses Bild ist der Inbegriff von Symmetrie und Balance. (@Bessi auf Pixabay)

Das Motiv, hier ein Baum, befindet sich in der Mitte des Fotos, und jede Seite hat im Wesentlichen das gleiche visuelle Gewicht wie die andere. Das Hauptproblem bei der Symmetrie ist, dass die meisten Szenen nicht zwei identische Hälften haben. Anders ist es bei Genres mit bereits vorhandenen symmetrischen Motiven (z.B. Architekturfotografie). Hier könnten deine Bilder langweilig werden, wenn du sie alle auf die gleiche Art und Weise erzeugst.

4. Asymmetrische Balance

Ein Foto muss nicht symmetrisch sein, um ausgeglichen zu wirken. Betrachte zum Beispiel das folgende Bild: Die Sonne ist ein wichtiges Motiv auf der rechten Seite des Bildes, aber das Fischerboot auf der linken Seite zieht das Auge genauso sehr an:

Asymmetrische Balance
Ein perfektes Beispiel für eine asymmetrische Balance. (@Johannes Plenio auf Pixabay)

Die meisten Beispiele sind nicht so offensichtlich, denn jede Hälfte des Fotos hat ein Motiv, das die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich zieht. So könnte sich beispielsweise das Hauptobjekt auf der einen Seite des Bildes befinden, während mehrere kleine Objekte auf der anderen Seite den Rahmen ausbalancieren. Oder das Motiv könnte gross genug sein, um die Länge des Bildes zu überbrücken, um sich so effektiv auszugleichen. Damit also ein Bild ausgewogen ist, muss jede Seite die Aufmerksamkeit eines Betrachters gleichermassen erregen.

5. Was zieht das Auge an?

Um ein Foto perfekt auszubalancieren, muss man zuerst wissen, was die Augen des Betrachters auf einem Foto überhaupt anzieht. Hier ist eine kurze Liste:

  • Kontrastbereiche
  • Objekte, die im Fokus sind (insbesondere, wenn der Grossteil des Fotos nicht scharf ist).
  • Helle Stellen/Punkte
  • Gesättigte Elemente
  • Warme (rote/gelbe) Farben
  • Grosse Objekte/Motive
  • Menschen und (in geringerem Masse) Tiere
  • Die Augen deines Subjekts
  • Die Richtung, in die dein Motiv schaut (auch wenn es sich um einen leeren Raum handelt, gewinnt es an visuellem Gewicht, da die Zuschauer in die gleiche Richtung wie das Hauptobjekt schauen wollen).

Dies ist keineswegs eine umfassende Liste, aber es ist ein guter Anfang. Jedes Mal, wenn sich ein Gegenstand auf dem Foto im Vergleich zum Rest des Bildes abhebt, hat er ein gewisses visuelles Gewicht. Wenn du dein Foto effektiv ausgleichen willst, müssen die Elemente die visuellen Effekte des jeweils anderen aufheben.

Auch hier gilt: Je zentrierter du dein Motiv platzierst, desto mehr lenkst du die Aufmerksamkeit des Betrachters darauf. Um also zwei ähnlichen Objekten das gleiche Gewicht zuzuweisen, würdest du sie in einem ähnlichen Abstand von der Mitte aus platzieren. Oder, wenn es nur ein wichtiges Objekt in deiner Komposition gibt, platzierst du sie entlang der Führungsmittellinie.

Asymmetrisches Gleichgewicht
Sowohl in der linken als auch in der rechten Hälfte des Bildes befinden sich Objekte, die gleichermassen unsere Aufmerksamkeit erregen. (@Johannes Plenio auf Pixabay)

6. Das Gleichgewicht in die Praxis umsetzen

Um die Balance eines Bildes zu ändern, wirf einen Blick auf die linke und rechte Bildhälfte. Merke dir die Anzahl der wichtigen Bildelemente auf jeder Seite und überprüfe die Punkte auf der Liste oben. Achte auf den Abstand der einzelnen Motive vom Fluchtpunkt aus entlang der Führungslinien – selbst Objekte, die normalerweise keine Aufmerksamkeit erregen, erscheinen offensichtlich, wenn sie sich in der Nähe des Fokuspunktes bzw. der Führungslinien befinden. Passe die Bildkomposition deinem Geschmack an, indem du die Führungslinien verschiebst, um auf beiden Seiten das gleiche visuelle Gewicht zu erreichen. Eine andere Möglichkeit besteht darin, die abzulenkenden Objekte zu retuschieren.

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Das erfordert natürlich Übung, aber viele deiner Kenntnisse über die kompositorische Balance sind intuitiv. Deshalb neigen Anfänger dazu, ihr Motiv in jeder Situation in der Bildmitte zu platzieren. Wir neigen von Natur aus zu ausgewogenen Fotos. Die richtige Praxis kann uns allerdings zeigen, wie man eine Balance auch in komplexeren Szenen erreicht. Deine Fotos müssen nicht vollständig ausgewogen sein, um friedlich zu wirken. Wenn du jedoch ein Foto zusammenstellst, ist es wichtig zu erkennen, dass stark unausgewogene Bilder zu Spannungen beim Betrachter führen könnten. Das ist nicht unbedingt schlecht, aber viele Fotografen versuchen dies dennoch in ihren Bildern zu vermeiden.

7. Ungleichgewicht

Bei einigen Bildern, oder eigentlich sogar bei vielen Bildern, ist ein gewisses Ungleichgewicht nötig. Damit eine Szene Bewegung und Spannung bekommt, braucht sie ein gewisses Mass an Unvollkommenheit. Das Bild soll gar nicht von einer Seite zur anderen genau gleich sein. Nimm das Foto unten als Beispiel:

Balance Ungleichgewicht
Die Palme stellt auf diesem Bild das Hauptmotiv dar und zieht die Aufmerksamkeit des Betrachters nach links. (@Christian Joudrey auf Unsplash)

Auf diesem HDR Foto sind die beiden Bildhälften nicht in der Balance. Die linke Seite ist kontrastreicher und enthält zudem das Hauptmotiv. Die Aufnahme ist aber nicht so unausgeglichen, dass es für den Betrachter störend wäre. Die Spannung eines unausgeglichenen Bildes passt sogar sehr gut zu diesem speziellen Foto und es löst eine entsprechende Emotion aus.

8. Balance bei Aufnahmen im Hochformat

Oberflächlich betrachtet mag es dir nicht besonders schwierig erscheinen, ein vertikales Foto auszubalancieren. Benutze einfach dieselben Techniken, die du für ein horizontales Bild auch anwenden würdest und das Foto wird im Gleichgewicht sein.

Vertikale Kompositionen geben dir jedoch weniger Spielraum zwischen der Bildmitte und dem Rand. Wie oben schon erwähnt, lenken Objekte viel stärker ab, wenn sie sich am Rand des Rahmens befinden. Bei einem Foto im Hochformat ist es allerdings so, dass schon nicht 100% mittige Objekte nah beim Rand sind. Das macht Balance nicht unmöglich, denn horizontale Bilder funktionieren oft genauso gut wie vertikale, aber die vertikalen erfordern mehr Vorsicht beim Ausbalancieren.

Symmetrie funktioniert natürlich noch immer:

Gleichgewicht Hochformat
Vertikale Fotos müssen sorgfältiger ausbalanciert werden als horizontale, da an den Rändern weniger Spielraum bleibt. (@Markus Winkler auf Unsplash)

Aber manchmal muss das Hauptmotiv in einer vertikalen Komposition einfach in der Bildmitte platziert werden. Hier empfehle ich dir auch gerne meinen Artikel zu Querformat vs. Hochformat bei deinen Fotos.

9. Panoramen

Umgekehrt ist das Ausbalancieren eines Bildes sehr einfach, wenn du ein Panorama fotografierst. Kleine Verschiebungen in der links-rechts-Position eines Objekts sind hier beispielsweise nicht annähernd so einflussreich wie in vertikalen Bildern. Ausserdem ist es einfacher, die Ränder eines Panoramarahmens zu vermeiden, so dass mehr Platz fürs Verschieben deiner Komposition entsteht.

Das folgende Bild zeigt, wie einfach es ist, zwei Objekte über ein Panorama auszubalancieren.

Balance Panorama
Der Brückenpfeiler hat ein ähnliches visuelles Gewicht wie die Skyline und beide sind etwa gleich weit vom Zentrum entfernt. (@Mathew Schwartz auf Unsplash)

10. Balance bei kleinen Motiven

Manchmal hängt die Balance eines Bildes von der Grösse ab, in der es gezeigt wird. Wichtige Details, die das Gleichgewicht der Komposition verändern können, sind auf kleinen Bildern nämlich nicht sichtbar. Das mag für dich komisch klingen, in der Praxis macht es aber Sinn.

Nimm das folgende Bild als Beispiel. Wird es klein dargestellt, zum Beispiel auf einem Smartphone, ist es etwas schwierig, die Sternschnuppe auf der linken Seite des Bildes zu sehen. Ohne diesen Schweif würden die Person im Bild das Gewicht nach rechts verschieben. So wie es ist, wirkt das Bild jedoch ziemlich ausgewogen – allerdings nur bei grosser Darstellung.

Balance Kleine Motive 1

Balance kleine Motive
In gross fällt der Schweif der Sternschnuppe stärker ins Gewicht. (@Dan Musat auf Unsplash)

Ein weiteres Beispiel für diesen Effekt siehst du auf dem Foto unten. Ich wollte ein ruhiges Landschaftsbild mit einer ausgewogenen Komposition schaffen. Ich fand es aber schwierig, diese spezielle Szene in die richtige Balance zu bringen. Auch in klein scheint das Bild etwas mehr nach rechts gewichtet zu sein, obwohl der Effekt etwas subtiler ist als auf dem obigen Foto. Bei grösserer Darstellung wird jedoch deutlich, dass der Wald auf der linken Seite mehr Gewicht erhält, was den Betrachter viel mehr nach links zieht.

Balance Symmetrie Naturfotografie

Die Unterschiede sind in der Regel nicht so offensichtlich wie in diesen Beispielen, aber dir sollte immer klar sein, welche Auswirkungen die Anzeigegrösse auf die Balance deines Bildes hat.

11. Nachbearbeitung

Der vielleicht beste Weg, das Ungleichgewicht eines Fotos zu korrigieren (oder zu betonen), sind gezielte Anpassungen in einem Programm wie Lightroom oder ähnlich. Das können ganz simple Korrekturen sein, wie z.B. das Abdunkeln einer überbelichteten Stelle oder das Reduzieren der Klarheit eines zu auffälligen Objekts. Auch das vollständige Entfernen von Objekten mit dem Bereichsreparaturpinsel ist durchaus eine Möglichkeit. In die gleiche Kategorie fällt das Zuschneiden der Bilder, denn auch damit kannst du die Balance innerhalb des Rahmens verändern. Welche Methode du wählst, hängt am Ende alleine von dir und deinen Nachbearbeitungskünsten ab. Auch die Art deiner Fotografie spielt eine Rolle. Wenn du beispielsweise Reportagefotograf bis, entfernst du vermutlich eher keine Bildelemente – nur schon aus ethischen Gründen.

12. Fazit

Wenn du mit deinen Kompositionen sorgfältig umgehst, wirst du in den meisten Szenen den Grad der Balance kontrollieren können. Und wenn du die Balance in einer Szene mal nicht perfekt hinkriegst, kannst du in der Nachbearbeitung noch immer bestimmte Aspekte des Bildes hervorheben.

Egal ob du deine Bilder nun ausbalancierst oder nicht, letztendlich ist wichtig, dass du dir zumindest Gedanken dazu machst. Frage dich selbst, was für eine Art von Bild du möchtest und überlege dann, wie Gleichgewicht (oder Ungleichgewicht) dir helfen kann, dein Ziel zu erreichen. Wenn du subtil vorgehst, besonders mit Ungleichgewicht, wirst du stärkere und bewusstere Kompositionen zustande bringen. Das wiederum bringt mehr Qualität für deine Bilder.

Bei der Balance geht es darum, die Emotionen auf deinem Foto zu verändern. Das macht sie zu einem der wichtigsten Werkzeuge, um aussergewöhnliche Kompositionen zu kreieren. Leider kämpfen immer noch eine Vielzahl von Fotografen, darunter auch viele sehr talentierte, mit der Gestaltung ihrer Komposition. Darüber hinaus gehen die meisten Versuche, das Wesen der Komposition zu erklären (wie die Drittelregel, Perspektiven, Negativer Raum, Einfachheit und Minimalismus usw.) nicht annähernd weit genug. Es ist nicht so, dass es eine perfekte Lösung gibt, aber die Realität ist, dass du viel tiefer in dieses Thema eintauchen kannst, als du denkst.

Balance Schmetterling
Balance macht das Leben schön. (@Vivek Doshi)

Konntest du etwas lernen bei diesem Beitrag? Wir freuen uns auf dein Feedback in den Kommentaren!

3 Gedanken und Fragen

  1. M

    Hi, in
    https://www.pixolum.com/blog/fotografie/fuehrende-linien
    schreibst du: „Führende Linien vs. Pfade:
    Der Unterschied zwischen einer führenden Linie und einem Pfad ist einfach zu erklären. Eine führende Linie führt dich zu einem interessanten Punkt im Bild. Ein Pfad führt dich eher zu einem Fluchtpunkt.“
    Hier hingegen: „Die führenden Linien sind klar symmetrisch und führen deinen Blick in die Mitte zum Fluchtpunkt hin.“
    Äh…..?
    Kannst du das bitte kurz auflösen? Sonst komm ich nicht mit…..
    Besten Dank

    Antworten
    1. pixolum

      Hallo M

      Das ist tatsächlich nicht ganz präzise formuliert, da gebe ich dir Recht. Ich versuchs nochmal etwas klarer und passe den Text dann an:

      Ein Pfad führt den Blick des Betrachters immer auf die Horizontlinie. Das kann ein Weg sein, ein Gleis, die Spur eines Schiffes die sich am Horizont verliert. Ein Pfad folgt keiner Logik, kann sich krümmen und das Auge durch das ganze Bild bis zum Horizont führen. Führende Linien sind Geraden. Mit ihnen kannst du den Blick des Betrachters auf einen beliebigen interessanten Punkt im Bild leiten.

      Ist das verständlicher?

      Liebe Grüsse,
      Patrick

      Antworten
      1. M

        Ganz lieben Dank für Deine Erklärung 🙂
        Und grundsätzlich beide Daumen hoch für Deine extrem hilfreichen Artikel!
        M

        Antworten

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