Was ist ETTR? Nutze den Dynamikumfang deiner Kamera richtig

Was ist ETTR? Licht ist das A und O in der Fotografie. Heutige Kameras bieten zu diesem Thema eine Menge hilfreiche Tools und Hilfsmittel, um dich bei der richtigen Belichtung zu unterstützen. Wie bei vielen Dingen gibt es auch hier verschiedene Philosophien, wann ein Bild richtig belichtet ist. Eine davon ist „Expose to the right“ (kurz: ETTR). Du willst das Maximum in der Belichtung aus deinen Fotos holen? Dann lies unbedingt weiter!

ETTR: Sonnenuntergang an der Ostsee

Richtig belichten mit ETTR (@Pascal)

Was heisst Expose to the right (ETTR)?

Stell dir eine schöne Landschaft während eines Sonnenuntergangs vor. Was siehst du dabei? Die untergehende Sonne, die mit ihrem warmen Licht die Landschaft in schöne Farben taucht. Lange Schatten, die durch die Sonne entstehen und die Konturen der Landschaft unterstreichen. Genau solche Situationen sind für deine Kamera eine Herausforderung! Denn durch das Sonnenlicht entstehen überall dort helle Bereiche, wo das Licht auf die Landschaft trifft.

Zeitgleich entstehen aber auch Schatten, was zu dunklen Bereichen in deinem Bild führt. Dass deine Kamera beides in einem Bild erfassen, kann liegt am Dynamikumfang. Der Dynamikumfang ist dabei die Range vom dunkelsten zum hellsten Bereich deines Bildes und wird in Blendenstufen gemessen. Je mehr Dynamikumfang deine Kamera bietet, je mehr Informationen kann sie in den unterschiedlichen Bildbereichen erfassen. Die Blendenstufen stehen dabei für Abstufungen in der Helligkeit von ganz dunkel bis ganz hell.

ETTR: bei komplexen Lichtsituationen den Dynamikumfang der Kamera ausnutzen.

Vor allem bei Lichtsituationen wie diesen ist ein hoher Dynamikumfang wichtig (@Pascal)

So viel zur Theorie. Denn genau diese Dynamik wollen wir mit Expose to the right maximal nutzen. Grundsätzlich steckt hinter dieser Technik die Idee, dass deine Kamera in hellen Bildbereichen mehr Details speichern kann als in dunklen Teilen des Bildes. Wenn du dein Bild leicht überbelichtest, speichert deine Kamera mehr Details. Erhöhe also deine Verschlusszeit, um diesen Effekt zu nutzen. Dadurch verschiebt sich dein Histogramm an den rechten Rand – wodurch die Technik auch ihren Namen bekam (zu Deutsch: nach rechts belichten). Klingt leicht, oder? Dennoch gibt es hier Details zu beachten.

Hast du′s gewusst?

Zum Vergleich: dein Auge kann ca. 20 Blendenstufen erfassen. Die Canon R5, eine der leistungsstärksten Kameras von Canon, erfasst in der Spitze 12 Blendenstufen.

Licht und Belichtung in der Fotografie

Die wichtigste Zutat für jedes Foto ist und bleibt das Licht. Ohne Licht, keine Fotografie. Das Licht ist dabei nicht nur ein zentrales Element in deiner Bildgestaltung, sondern spielt auch eine wichtige Rolle in der Art und Weise wie du deine Bilder aufnimmst. Du siehst, das Licht beeinflusst deine Bilder in vielerlei Hinsicht. Deswegen ist es auch umso wichtiger, dass du lernst dieses gezielt einzusetzen. Sei es für deinen Bildaufbau, aber eben auch für deine Aufnahmetechnik. Im Folgenden lernst du, wie du dein Bild so belichtest, dass du in der Bearbeitung das Maximum herausholen kannst.

Das Histogramm

Du bist zum Sonnenaufgang unterwegs, findest deinen Spot, legst dir deine Bildgestaltung zurecht und fotografierst. Auf dem Display kontrollierst du deine Einstellungen. Die Belichtungskontrolle deiner Kamera zeigt gute Werte. Kaum zu Hause angekommen lädst du die Fotos auf den Rechner und Ernüchterung tritt ein – die Bilder sind zu hell oder zu dunkel geraten. Hast du solche Momente schon selbst erlebt? Damit genau das nicht mehr passiert, nutzt du am besten das Histogramm. Denn anhand dieser Kurven stellst du schon vor dem Klick der Kamera eine korrekte Belichtung sicher.

Du brauchst mehr Informationen zum Histogramm?

Dann schau dir unbedingt diesen Artikel auf unserem Blog genauer an.

In Kurzform und ohne viel technischen Schnickschnack: das Histogramm ist ein Diagramm, das die Helligkeit deiner Bilder anzeigt. Je weiter links sich die Kurve befindet, desto dunkler ist dein Bild. Willst du dein Bild aufhellen passt du deine Belichtung so weit an, bis die Kurve sich zum rechten Rand des Histogramms verschiebt. Die folgende Grafik erklärt die grobe Lesart des Histogramms noch einmal vereinfacht.

ETTR: Das Histogramm ist wichtig für die richtige Belichtigung

Das Histogramm ist ein wichtiges Tool für die ETTR-Technik (@pixolum)

Damit du diese Technik anwenden kannst, musst du das Histogramm immer im Blick haben. Moderne Kameras bieten dir oftmals die Option, dieses schon vor der Aufnahme im Live-View einzuschalten. Alternativ schau dir das Histogramm in deiner Kamera an, nachdem du dein Foto gemacht hast. Deine Kamera bietet dir beide Optionen nicht? Dann schau dir das Histogramm am Rechner in deiner Bildbearbeitungssoftware an.

ETTR in der Praxis

Damit du direkt loslegen kannst folgen nun die wichtigsten Informationen, die du für die praktische Umsetzung brauchst.

Schritt 1: Die Kameraeinstellungen

Natürlich sind deine Einstellungen der Dreh- und Angelpunkt für diese Technik. Hier bekommst du die wichtigsten Einstellungen und Informationen zum selbst ausprobieren. Die Verfügbarkeit der Optionen variiert mit den Kameramodellen. Schau also im Zweifel in die Anleitung deiner Kamera, um zu schauen, ob deine Kamera diese Funktionen bietet.

  1. RAW Format: diese Technik funktioniert nur, wenn du im RAW-Format fotografierst. Fotografierst du in JPG verarbeitet deine Kamera das Bild bereits. Eine Bearbeitung des Bildes führt zu erheblichen Einbußen in der Qualität. Außerdem werden in JPG schlichtweg weniger Informationen gespeichert. Du suchst mehr Informationen zum > RAW-Format?
  2. Histogramm einblenden: je nach Hersteller und Art der Kamera kannst du das Histogramm direkt im Bildschirm deiner Kamera einblenden. Wenn möglich aktiviere unbedingt diese Option!
  3. Live View: nutze das Display deiner Kamera. So kannst du sofort und live jede Veränderung deiner Einstellungen sehen. Du bekommst also schon vor dem Drücken des Auslösers einen Eindruck, wie das Bild aussehen wird.
  4. Belichtungsdreieck: für die ETTR-Technik belichtest du deine Bilder etwas über. Nutze also die gängigen Einstellungen Blende, Verschlusszeit und ISO, um dein Bild aufzuhellen. Damit du eine maximale Bildqualität sicherstellst, nutze am besten eine längere Verschlusszeit. Veränderungen an der Blende und dem ISO-Wert haben direkten Einfluss auf Schärfe (Blende) und Rauschen (ISO) deines Bildes. Wird die Belichtungszeit zu lang für ein Foto aus der Hand denk an dein Stativ. Du willst dein Wissen rund um das Belichtungsdreieck noch einmal auffrischen? Dann klick hier.
  5. Überbelichtungswarnung: viele Kameras bieten einen Overlay für überbelichtete Bildteile an. Dabei werden Bereiche in deinem Bild eingefärbt, bei denen aufgrund zu hoher Belichtung keine Details mehr aufgezeichnet werden können. Du siehst so sofort im Display, wo die Belichtung zu hoch oder zu niedrig ist. Diese Option ist ein praktischer Helfer für ETTR. Du nutzt diese Technik schließlich, um möglichst viele Details im Bild zu speichern.
ETTR: das Belichtungsdreieck hilft dabei die korrekten Einstellungen zu finden

Das Belichtungsdreieck hilft das Wechselspiel der Einstellungen zu verstehen (pixolum)

Schritt 2: Die Umsetzung

Die Umsetzung ist dann sehr leicht. Suche dein Motiv und deinen Bildaufbau. Stelle die Belichtung nun zunächst so ein, dass die Kamera dir eine korrekte Belichtung anzeigt. Nun erhöhe die Belichtung. Beobachte dabei die Veränderung deines Histogramms. Du wirst sehen, dass die Kurve sich weiter nach rechts verlagert. Erhöhe die Belichtung nun so weit bis die Überbelichtungswarnung deiner Kamera anspringt. Nun dunkelst du dein Bild so lange ab, bis die Überbelichtungswarnung entweder komplett verschwindet oder nur in Bildteilen erscheint, die für das Bild nicht wichtig sind. Dabei behältst du immer das Histogramm im Blick. Die Kurven müssen sich später im rechten Teil des Diagramms befinden, damit du den Effekt von ETTR nutzen kannst. Du siehst, Expose to the right ist ein kleiner Balance-Akt. Mit etwas Übung wird dir das aber schnell von der Hand gehen. Und die Ergebnisse sprechen für sich!

ETTR: die Überbelichtigungswarnung der Kamera ist ein praktisches Tool.

Hier seht ihr die Überbelichtungswarnung an einer Canon EOS R (@pixolum)

Schritt 3: Worauf du achten solltest

Abschließend noch einige Hinweise, damit dein Bild auf jeden Fall gelingt:

  • Achte darauf nicht zu stark zu belichten! Durch zu lange Belichtung verlierst du wertvolle Informationen in deinem Foto. Diese sind auch in der Bearbeitung nicht wiederherzustellen. Das solltest du unbedingt vermeiden.
  • Denk an dein Stativ! Musst du die Belichtungszeit so weit anheben, dass aus der Hand keine scharfen Fotos möglich sind, hilft dein Stativ. Faustregel: die Brennweite deines Objektivs mal zwei gibt dir einen guten Startpunkt für scharfe Fotos. Fotografierst du zum Beispiel mit 30 Millimetern Brennweite, nutze für Fotos aus der Hand mindestens eine Belichtungszeit von 1/60 Sekunde (2 × 30). So minimierst du verwackelte Fotos.
  • Übung macht den Meister! Am Anfang wird es dir nicht leichtfallen, den richtigen Punkt zwischen ETTR und einer zu starken Überbelichtung zu finden. Du solltest daher mehr Fotos mit abweichenden Einstellungen aufnehmen. So reduzierst du das Risiko am Ende mit leeren Händen dazustehen. Nimm dir vor Ort Zeit! Hetze dich nicht und mache lieber ein Foto mehr als zu wenig. Mit ein wenig Übung wird dir die Technik dann leicht von der Hand gehen.

ETTR und die Bildbearbeitung

Nun hast du also deine Fotos im Kasten. Im letzten Schritt geht es nun an die Bildbearbeitung. Hier dunkelst du deine Fotos dann etwas ab. Durch das Abdunkeln verlagert sich das Histogramm deines Bild weiter nach links. Daher wird dieser Vorgang auch Develop to the left genannt. Dadurch werden die Details in den leicht überbelichteten Stellen sichtbar. Nutze lokale Bearbeitungen, um gezielt Stellen zu bearbeiten. Du wirst dich wundern, wie viele Details und feinere Abstufungen in der Belichtung nun sichtbar werden.

FAQ

Unsere Fotoausrüstung

Du fragst dich mit welcher Ausrüstung wir fotografieren? Hier findest du unser Equipment.

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Zum Schluss beantworten wir dir in Kürze die meistgestellten Fragen rund um das Thema ETTR.

Was bedeutet „ETTR“ in der Fotografie?

Mit dem Begriff Expose to the right (kurz: ETTR) wird eine Aufnahmetechnik in der Fotografie genannt. Dabei wird das Bild leicht überbelichtet, um später in der Bildbearbeitung mehr Bildinformationen zu haben.

Was bedeutet Belichtung in der Fotografie?

Die Verschlusszeit der Kamera bestimmt, wie viel Licht auf den Sensor fällt. Je mehr Licht einfällt (also je länger die Verschlusszeit eingestellt ist), je heller wird das Bild. Der Begriff Belichtung steht also in Kurzform für die Helligkeit bzw. dei verwendete Belichtungszeit deines Fotos.

Was bedeutet DTTL und was hat es mit ETTR zu tun?

DTTL ist die Kurzform für Develop to the left. So wird der Vorgang in der Bildbearbeitung bezeichnet, in dem die durch ETTR hellen Bildbereiche abgedunkelt werden.

ETTL oder ETTR?

Als Gegenstück zu der hier vorgestellten ETTR-Technik gibt es auch Expose to the Left. Dabei wird das Bild gezielt unterbelichtet, um dann in der Bildbearbeitung aufgehellt zu werden. Da dieser Vorgang aber einen stärkeren und nachteiligen Einfluss auf die Bildqualität hat, empfehle ich immer die Nutzung von ETTR.

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Über den Autor

Pascal Wieczorek ist 37 Jahre alt und stammt aus dem schönen Ruhrgebiet. Die Leidenschaft für die Fotografie begleitet ihn bereits seit der Kindheit, wobei er sich insbesondere für die Reisefotografie begeistert. Sein Wissen rund um die Fotografie hat er sich durch viel Ausprobieren autodidaktisch angeeignet.

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